5 Altersdiskriminierung

Die unter Diskriminierung aufgezeigten Mechanismen sind übertragbar auf die Altersdiskriminierung. „Der Ausdruck Altersdiskriminierung bezeichnet eine angenommene oder nachgewiesene soziale und ökonomische Benachteiligung von Einzelpersonen oder von Personengruppen aufgrund ihres Lebensalters. Den Betroffenen würde es erschwert, in angemessener Weise am Arbeitsleben und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können“ (aus Wikipedia /Link/).

Altersdiskriminierung kann sich grundsätzlich gegen jede Altersgruppe richten. Gewöhnlich richtet sie sich oberhalb oder unterhalb eines bestimmten Alters, kann sich eben auch auf jüngere Menschen beziehen, wenn diese z. B. bei gleicher Ausübung von berufsspezifischen Tätigkeiten ein geringeres Entgelt wie ältere Erwerbstätige erhalten. Junge Akademiker bekommen häufig statt einer Festanstellung nur Praktika angeboten, um dadurch die von Unternehmen und Arbeitgebern praktizierte Regelung der Besetzung von regulären sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen zu vermeiden (Generation Praktikum).

5.1 Diskriminierung im Alter (Altendiskriminierung)

Die Diskriminierung im Alter betrifft im überwiegenden Maße ältere Menschen in ihrem Arbeitsleben. Dabei soll nicht verkannt werden, dass auch nach Beendigung der beruflichen Tätigkeit Ausgrenzungen und Benachteiligungen in den unterschiedlichsten Lebensbereichen aufkommen können. Das Alter ist z. B. ein wichtiger Faktor bei der Vergabe von Krediten oder Hypotheken durch Geldinstitute, wobei das Alter von 60 Jahren eine fast unüberwindliche Altersgrenze darstellt und die Frage nach vorhandenen Kindern gestellt wird, die unter Umständen für nicht rückzahlbare Kredite einspringen sollen. Oftmals werden Kredite nur zu sehr ungünstigen Konditionen, z. B. statt zu 5 %, zu 16 % Zinsen gewährt. Das Alter spielt eine wesentliche Rolle bei dem Abschluss und der Prämienhöhe von Lebens-, Kranken- und Reiserücktrittsversicherungen. Im Gesundheitswesen zeigt sich ebenfalls oftmals der fehlende Wille, sich mit den Problembereichen des Alters und Alterns auseinanderzusetzen bis zu dem Vorurteil, alte Menschen seien nicht mehr therapierbar bzw. therapieunwürdig. Das trifft in besonderem Maße zu auf Menschen in Wohn- und Pflegeheimen, wobei oftmals behandelbare Krankheitsbefunde vorliegen, die mit dem Hinweis bagatellisiert werden, dass das eine typische Alterserscheinung sei und so hingenommen werden müsse. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die Aussage des Junge Union-Bundesvorsitzenden Philipp Mißfelder im Jahr 2003: „Ich halte nichts davon, wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft erhalten“. /Link/ Hier wird die Frage aufgeworfen, ob die Inanspruchnahme von medizinischen Dienstleistungen, aber auch von Rentenleistungen durch alte Menschen in Verbindung mit den Finanzschwierigkeiten und der Kostenexplosion in der Gesundheitsversorgung und im Rentensystem in dem derzeitigen Maße noch vertretbar ist. Dabei wird verkannt, dass gerade diese Menschen während der aktiven Phase ihres Lebens beträchtliche Beiträge und Leistungen für die Gesellschaft erbracht haben und nun Opfer der sinkenden Realeinkommen sind und dadurch bedingt ihre Renten nicht bzw. weniger steigen. Ältere Menschen erscheinen in der Gesellschaft oft als finanzielle Belastung, während junge Menschen als Investition in die Zukunft angesehen werden.

5.2 Age-ism

In das negative Bild des Alters fließt ein die teilweise bis heute noch geltende und sich auswirkende These des Age-ism geprägt durch den englischen Psychologen Robert Butler im Jahr 1969. Die mit diesem Begriff bezeichnete, grundsätzlich negative Bewertung des Alters bis hin zur Altersfeindlichkeit umfasst folgende Bereiche, die miteinander nah zusammenhängen:

  • Vorurteile gegenüber älteren Menschen, dem Alter und dem Alterungsprozess,
  • stereotypische Überzeugungen und
  • soziale Diskriminierungen älterer Menschen.

Nach Meyers Lexikon stellt Age-ism die Diskriminierung von Bevölkerungsteilen aufgrund des Merkmals Alter, besonders die Bevorzugung junger Menschen gegenüber älteren dar.

Im Kontext mit der Age-ism-These kann festgestellt werden, dass die Gesellschaft allgemein dem Alter Vorurteile zuordnet, die sich überwiegend nach den vorherrschenden Normen und Werten der Jüngeren bestimmen, die oft auf unvollständigen Informationen beruhen und relativ immun sind gegen anders lautende Informationen und damit aufrecht erhalten werden. Die allgemein zugeschriebenen Stereotypen konzentrieren sich vor allem auf die biologischen und psychischen Abbauerscheinungen, aber auch auf Verlust von Ansehen, Funktionen, anerkannter Kompetenz, Einkommen, Kontaktmöglichkeiten, Aufmerksamkeit, gesellschaftliche finanzielle Belastung. Die Stigmatisierung älterer Menschen führt oftmals im Sinne einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung (self fulling prophecy) zum Verlust des Vertrauens älterer Menschen in die eigenen Fähigkeiten und in der Folge zu sozialen Hilflosigkeits- und Rückzugserscheinungen (social breakdown – erlernte Hilflosigkeit – nach Bengtson). Wie alle anderen Rassismen werden Menschen durch Age-ism minderwertig gemacht.

5.3 Altersbilder

Losgelöst von der dargestellten Age-ism-These kommt den in der Gesellschaft vorherrschenden Bildern über das Alter und des Alterns eine unterschiedliche Deutung zu. Nach dem „Defizitmodell des Alterns“ wird Altern als ein genereller Verlustprozess im physischen, psychischen und sozialen Bereich gesehen. Es dominiert eine biologisch-medizinische Sichtweise vom Altern. Das Defizit beinhaltet die Perspektive des Mangels und des Fehlenden. Nach einem Gedicht aus dem Mittelalter stellt sich das entsprechend dar:

      Mit siebzig Jahren ein Greis,
      Mit achtzig Jahren nimmer weis,
      Mit neunzig Jahren der Kinder Spott,
      Mit hundert Jahren gnad Dir Gott.

Die vorstehend erwähnten negativen Altersbilder können erfreulicherweise durch die zur Zeit auch vorherrschende gesellschaftliche und politische Diskussion und Auffassung zum Teil widerlegt werden, da sich in zunehmendem Maße eine differenzierte Sichtweise von Alter und Altern durchsetzt und somit auch positivere Altersbilder feststellbar sind wie sie z. B. in der „Aktivitätstheorie“ nach Havinghurst als Weg zum erfolgreichen Altern zum Ausdruck kommen sowie in der „Kontinuitätstheorie“ nach Atchley. Das subjektive Kriterium für erfolgreiches Altern liegt auch der „Disengagement-Theorie“ nach Cumming & Henry zugrunde. Diese Theorie beinhaltet einerseits die positiven Komponenten des Alters als Freiheit von Verpflichtungen und Arbeitsbelastungen sowie Vitalität, Konsum und Ungebundenheit, andererseits wird ebenso die Kompetenz des Alters wie Fähigkeit, Erfahrung und Belastbarkeit dargestellt. Wenn man diesen Theorien teilweise auch kritisch gegenüber stehen kann, so thematisieren sie in besonderer Weise Aspekte eines positiven Alterns

5.4 Altenbericht der Bundesregierung

Die positive Darstellung des Alters findet ihren Niederschlag in dem 5. Altenbericht, der von der Bundesregierung im Jahr 2005 veröffentlicht wurde. /Link (pdf-Datei, 2,3 MB)/
An dem 6. Altenbericht wird z. Zt. gearbeitet. Der 5. Altenbericht der Bundesregierung deklariert die Potenziale des Alters in Wirtschaft und Gesellschaft als Beitrag älterer Menschen zum Zusammenhalt der Generationen. Hervorgehoben werden die innovativen und kreativen Fähigkeiten älterer Menschen wie Leistungsfähigkeit, Lernfähigkeit, Interesse, Experten- und Erfahrungswissen. Die Sachverständigenkommission des 5. Altenberichts betont aber ausdrücklich, dass sich die Innovationsfähigkeit der deutschen Wirtschaft nur dann erhalten lässt, wenn es gelingt, das Beschäftigungspotenzial älterer ArbeitnehmerInnen besser auszuschöpfen.

Obwohl eine positivere Betrachtungsweise des Alters im Allgemeinen festgestellt werden kann, wird diese Tendenz in vielen Bereichen der Wirtschaft und des Arbeitslebens noch nicht in vollem Umfang wahrgenommen. Die oftmals vorherrschenden Vorurteile gegenüber älteren Menschen und stereotypen Überzeugungen führen besonders in der Arbeitswelt zu Benachteiligungen und sozialen Diskriminierungen, wodurch die Potenziale des Alters wie Kompetenz, Engagement, Berufs- und Lebenserfahrung vielfach ungenutzt bleiben. Im Folgenden wird daher die Diskriminierung älterer Menschen im Berufs- und Arbeitsleben dargestellt.

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