Geschichten

 

 

Inhalt

Prolog

1. Gefangenenzug

2. „Gelobt sei Jesus Christus“

3. Agnes - von drei Geburten überlebt ein Kind
3.1 Geburten
3.2 Die Nottaufe
3.3 Die Frühgeburt

4. Bombardements
4.1 Luftangriffe über dem „Kohlenpott“
4.2 Der Luftangriff im Januar 1945

5. „Schützenwolle“
5.1 Oma erzählt
5.2 Stricken, Stricken, Stricken, Stricken …

6. „Ein ewiges Hin und Her“

7. Einmarsch der Amerikaner
7.1 Einmarsch der Amerikaner
7.2 Standrechtliche Erschießung eines Bürgermeisters

 

 

Prolog

Ein Landstrich von herber Schönheit: Hügelig, waldreich, windreich und recht feucht. In den Wintern konnte er ziemlich kalt und schneereich sein, mit meterhohen Schneewehen. Zu dieser Zeit war es schwer durchzukommen. Seit Jahrhunderten ist diese Region Durchgangsgebiet für Hunnen und marodierende, schwedische Söldnertrupps und Kaiserliche, die ganze Dörfer in Schutt und Asche legten. Aber auch Händler, Wanderjuden, „Zigeuner“, die die Verbindung zu anderen europäischen Gebieten aufrechterhielten durchzogen das Fleckchen Erde.
Mitten darin eine Kleinstadt - bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts eine Ackerbürgerstadt - das Bild beherrscht von einem mächtigen Wehrturm, der für Herannahende schon weithin sichtbar ist. Hier spielten sich folgende Begebenheiten in der Hauptsache ab:

 

1. Gefangenenzug

Die Großmutter erzählte der noch nicht neunjährigen Enkelin eine Menge vom Krieg und aus der NS-Zeit, dem so genannten „1000-jährigen Reich“: Gefangene wurden durch die Straßen der Kleinstadt zu ihren Einsätzen getrieben. Armselige, ausgemergelte, zerlumpte Gestalten schlurften durch die Straßen der Stadt, müde, sehr müde. Einige waren barfüßig oder ihre Füße waren mit Lumpen umwickelt oder sie trugen sehr kaputte Schuhe. Von weitem hörte man schon das Geschlurfe, bevor diese Menschen herannahten. Sie wurden von ihren Bewachern immer wieder getrieben, manchmal sogar feste geschlagen. Manche der Gefangenen schauten bettelnd bzw. flehend, mit traurigem Blick aus teils trüben Augen - in tiefen Augenhöhlen liegend - die Passanten an. Die meisten von ihnen aber hielten den Blick gesenkt bei ihrem schleppenden Zug durch die Innenstadt. Die Bürger huschten vorbei, es war nämlich der Bevölkerung strengstens verboten, Mitleid mit den armen Gestalten zu zeigen. Die Nazis konnten sehr brutal werden, auch gegen die eigenen Leute. Solch ein Trupp wurde manchmal auch durch die Marktstraße getrieben. Wenn Frau S. oder Oma ihn schon heran nahen hörten, schmierten sie schnell ein paar Butterbrote oder holten gekochte Kartoffeln, Möhren und/oder Rüben aus dem großen Kochkessel, der in der Waschküche stand und in dem für die Schweine gekocht wurde. Sie wickelten das, was sie so hatten, in Zeitungspapier o. ä. ein. Eine der beiden Frauen passte auf, dass sie kein Gefangenenaufseher sehen konnte oder gar erwischte, die andere steckte das Bündel oder mehrere den Gefangenen zu. Nur ein kurzer Dank, manchmal nur ein schüchterner Blick. Das alles musste äußerst heimlich geschehen, denn diese Menschen galten als „Untermenschen“. Betroffenheit oder Mitleid mit ihnen zu zeigen oder diesen Menschen gar aktiv zu helfen, wurde drastisch bestraft. - Oma zeigte sich bei diesen Erzählungen noch nach Jahren tief betroffen.

Zwangsarbeiter wurden in Fabriken und diversen Steinbrüchen eingesetzt. Sie arbeiteten aber auch bei den Bauern auf den Feldern, im Haus und Stall und waren für die sehr schweren Arbeiten in den städtischen und kirchlichen Wäldern eingeteilt.
23.01.2021 p

 

2. „Gelobt sei Jesus Christus“

Diese Geschichte konnte die Enkelin nicht vergessen:
In der Nachbarschaft war eine sehr gute Metzgerei. Die Großeltern konnten sich kaum etwas leisten. Doch einmal in der Woche gab es Fleisch, meistens vom Kalb, weil die Oma das am besten vertrug. Also ging Oma wieder einmal zur Metzgerei, um für den Sonntagsbraten ein bisschen Kalbfleisch - „ein Drei Viertel Pfündchen“ - zu kaufen. Sie wurde von der Metzgersfrau sehr gut bedient. Plötzlich wurde die Tür aufgestoßen und ein Uniformierter trat polternd ein. Erhob den rechten Arm zum Hitlergrüß und brüllte „Heil Hitler“. Oma entgegnete: „Gelobt sei Jesus Christus“. Alle Drei standen wie erstarrt da. Dann verließ der Mann wortlos den Verkaufsraum. Die Frau hinter der Theke murmelte leise: „Der war schon oft hier, der kommt bald wieder.“ Sie zitterte am ganzen Leib.

Es war einige Zeit vergangen und Oma trat wieder einmal in den Metzgersladen. Die Metzgersfrau hinter der Theke hatte ein stark verweintes Gesicht und wischte Tränen weg. Der Oma entging das nicht und sie fragte sogleich nach dem Grund. Unter starkem Schluchzen erklärte die Frau, dass ihre Kinder „wegen der unsicheren Zeiten“ am Morgen ihre weite Reise nach Amerika angetreten haben. Und dass sie glaube, dass das ein Abschied für immer gewesen sei und sie die Kinder nicht mehr wieder sehen werde.

Wieder einige Zeit später waren neue Leute Besitzer dieser Metzgerei.
28.01.2021 p

 

3. Agnes - von drei Geburten überlebt ein Kind

3.1 Geburten
Eine mittdreißig-jährige, verheiratete Frau - nennen wir sie Agnes - wurde als hochschwangere Frau aus dem „Kohlenpott“ evakuiert. Sie konnte mit dem Zug relativ komfortabel in einem „Abteil für Mutter und Kind“, Richtung Süden zu ihren Eltern reisen.
Dort kam sie bald nach ihrer Ankunft im Hochsommer 1943 in der elterlichen „Notwohnung“ in der Marktstraße, nieder. Es war ein Mädchen. Die Gebärende wollte um nichts in der Welt in ein Krankenhaus gehen, denn sie sah eine Geburt als etwas Normales an und wollte auf keinen Fall „in die Hände von Ärzten geraten“, denen sie, bis auf einige wenige Ausnahmen, nicht traute. Eine Hebamme und ihre Mutter standen ihr bei, die Nachbarinnen Frau L. und Frau S. assistierten.
Einige Monate vor dieser Geburt hatte Agnes eine Totgeburt: Es war ein kleiner Junge. Dieses schlimme Ereignis - damals keine Seltenheit - hatte sie, wie viele andere auch, sehr mitgenommen und nachhaltig geprägt.

3.2 Die Nottaufe
Nach dieser Erfahrung und da das kleine Mädchen ihrer Mutter - also der Großmutter - sehr schwach erschien und der Krieg in Deutschland inzwischen voll im Gange war, befürchtete die Oma, es könne auch sie alle hier auf dem Lande treffen und bereitete sogleich eine Nottaufe vor, die sie auch selber zelebrierte.
Am darauffolgenden Sonntag wurde das Kindchen dann offiziell in der Kirche vom Probst M. getauft. Die Oma, ihre Mutter also, war sehr katholisch, es wäre für sie unerträglich gewesen, wenn das Kind ungetauft gestorben wäre. Sie hätte sich das nie verziehen. Auch den Namen bestimmt sie. Das wurde von allen widerspruchslos akzeptiert und sie erzählte mir das selbst mit großer Zufriedenheit.

3.3 Die Frühgeburt
1944 gebar Agnes eine weitere Tochter. Sie wurde auf den Namen Rosemarie getauft. Es war eine Frühgeburt und das Mädchen war sehr klein und schwach. Die Nachbarinnen, Frau S. und Frau L., standen wiederum hilfreich zur Seite. Nach ein paar Wochen zeigte sich aber, dass sie es alle zusammen - trotz ihrer Mühen - alleine nicht schafften. Die Kleine wurde abgeholt und zwangsweise in eine Kinderklinik, in der Nachbarstadt, eingewiesen. Ein Brutkasten war frei geworden. Kurzdarauf starb das Frühchen.
Das war wiederum ein Schock für Agnes. An der Beerdigung nahm sie nicht teil. Monate später fuhr sie dann doch mit dem Zug in die Nachbarstadt, um die Grabstätte aufzusuchen. Es war ein winziges Grab mit einem kleinen, namenlosen, weißen Kreuz.
03.02.2021 p

 

4. Bombardements

4.1 Luftangriffe über dem „Kohlenpott“
Die Großmutter erzählte der kleinen Enkelin, nennen wir sie Josi, Folgendes:
Deine Eltern und du hatten seit deiner Geburt viele Luftangriffe erleben müssen, anfangs im Ruhrgebiet, wo auch du zeitweise warst. An manchen Tagen mussten alle mehrmals in den Bunker fliehen. Als deine Mutter nach einem Angriff mit dir aus dem Bunker kam, war dein Kinderwagen, der am Eingang des Luftschutzkellers stand, unter Trümmern begraben. Bei einem anderen Luftangriff war das Haus deiner anderen Oma, in dem deine Eltern lebten, zertrümmert. Es war unbewohnbar geworden.

Als du dann wieder bei uns hier auf dem Lande warst, war auch dann und wann Alarm. Alle Leute musste dann auch hier in Kellern oder Bunkern Schutz suchen, denn man konnte nicht wissen, ob diese Kleinstadt bombardiert würde. Ein ziemlich guter Bunker war in einem Berg, von unserer Notwohnung aus in ca. 10 min zu Fuß zu erreichen. Irgendwann 1944 war wieder einmal Alarm. Die wenigen Habseligkeiten wurden ergriffen und alles hastete los - auch deine Mutter - aber ohne dich. Sie hatte dich wohl in der großen Aufregung vergessen, denn immerhin ging es, wie schon so viele Male vorher, um Leben und Tod.
Dieses Vorkommnis wurde Agnes - Josis Mutter - Jahre später noch vorgehalten und ihrer Tochter Josi entsprechend oft erzählt.
Direkte Luftangriffe waren in der ländlichen Region mit Kleinstädten und Dörfern eher selten.

4.2 Der Luftangriff im Januar 1945
Überall in Deutschland waren ab Herbst 1940 große Städte und z. T. ganze Landstriche durch die Engländer und Amerikaner bombardiert worden, vor allen Dingen auch das damalige Ruhrgebiet. Die Kleinstadt und deren Umgebung waren aber bis zum Januar 1945 relativ verschont geblieben. Dieser Januartag war eiskalt. Die Fensterscheiben waren schon seit Tagen von dicken Eisblumen fest überzogen. Unsere Räume - bis auf die Wohnküche - waren unbeheizt und daher vergleichbar mit Eiskellern. Normalerweise stand dein Kinderbett in unserem Schlafzimmer, das zur Straße hin gewandt lag. Wegen der großen Kälte hatten deine Mutter und ich am Morgen des Januartages beschlossen, dein Bettchen in unsere Wohnküche zu stellen. Du solltest jetzt während der eiskalten Zeit in der warmen Küche schlafen, dem einzigen - mit Hilfe des Küchenherdes - beheizten Raum unserer Notwohnung.
So um die Mittagszeit gab es Fliegeralarm, aber das Geschwader donnerte über die Stadt hinweg, in Richtung Kassel. Ob von einer Entwarnung die Rede war, weiß ich nicht. Ganz plötzlich aber kehrte das Geschwader um und ließ seine Bomben auf unsere Stadt fallen. Es gab viele Tote und Verletzte und viele Häuser wurden zerstört. Eine Bombe schlug auf der Marktstraße, etwas westlich des Hauses, in dem wir wohnten, ein und riss einen tiefen Krater in die Straße. Dabei wurde ein Gesteinsbrocken herausgeschleudert und fiel mit einer solchen Wucht auf das Haus, dass er durch das Dach und unsere Schlafzimmerdecke hindurch schlug und genau an der Stelle auftraf und liegen blieb, wo noch bis zu diesem Morgen dein Bettchen gestanden hatte, in dem du noch viel schliefst, weil du ja erst eineinhalb Jahre alt warst.
Dieses schlimme Ereignis, aber auch der glückliche Zufall, dass an diesem Tag dein Bettchen in unserer Küche stand und dir deshalb nichts passiert war, wurde von uns allen als „eine Fügung Gottes“ angesehen.
Darüber wurde manchmal mit voller Dankbarkeit gegenüber Gott und großer Ehrfurcht gesprochen.

Der Schaden in unserem Haushalt war abgesehen von zerbrochenem oder beschädigtem Glas, Porzellan und Gebrauchsgeschirr relativ gering. Auch an Möbelstücken konnte man die Spuren dieses Einschlags sehen.
Bei den Erzählungen wurden sie Josi auch immer wieder gezeigt. Alle betonten jedoch dabei immer dieses Glück, das uns und besonders der kleinen Josi widerfahren war.

Als Ursache für den Angriff, also dass das Geschwader, nachdem es die Stadt überflogen hatte, plötzlich wieder umkehrte und seine Bombenlast über der Stadt abwarf, wurde von einem großen Teil der Stadtbevölkerung Folgendes angesehen: In der ehemaligen Volkschule waren deutsche Soldaten einquartiert. Die Piloten des Bombergeschwaders hatten offenbar aus der Luft beobachtet, dass Soldaten auf dem Schulhof exerzierten. Ein Leutnant oder Unteroffizier hatte diese Übungen trotz der herannahenden Flieger nicht abbrechen lassen. Die Bevölkerung war im Stillen entsetzt und empört zugleich. Aber offen etwas dagegen zu sagen, wäre auch Anfang 1945 noch lebensgefährlich für denjenigen geworden, der dies gewagt hätte. Die Menschen waren nach außen hin stumm und blieben es auch nach dem 08. Mai 1945 - dem Tag der Kapitulation - weitgehend noch!

Auf dem beschädigten Fußboden dieses Wohn- und Schlafraumes der Notwohnung in dem alten Haus war jahrelang eine großflächige Vertiefung, die die kleine Josi sehr gern zum Spielen mit leeren Garnröllchen nutzte. Die Röllchen kullerten so schön in die Vertiefung.
11.02.2021 p

 

5. „Schützenwolle“

5.1 Die Großmutter erzählt der kleinen Josi:
In der großen Schützenhalle waren neben anderen Dingen auch die Sachen von aus dem Ruhrgebiet evakuierten Menschen untergestellt. Auch deine Eltern hatten in eine Ecke der Halle Möbel, ein Klavier und in Kisten und Koffern verpackte Sachen stellen dürfen, denn in unserer kleinen „Notwohnung“, in der wir alle zusammen dicht gedrängt leben mussten, war kein Platz dafür.

Durch den Bombenangriff im Januar 1945 war auch die Schützenhalle beschädigt worden und der Teil, wo unsere Sachen standen, besonders stark, so dass Möbel, die nicht gerade zertrümmert waren, z. T. durch eindringendes Schmelz- bzw. Regenwasser so stark beschädigt waren, dass sie dadurch unbrauchbar geworden waren. Nach und nach verschwanden viele der noch brauchbaren Sachen, für die es keine andere Unterstellmöglichkeit gab, so auch unser Klavier. Wie nach Katastrophen leider üblich, gab es auch hier Plünderungen.

5.2 Stricken, Stricken, Stricken, Stricken …
StrickhandschuheIn diesen Monaten und auch in den Nachkriegsjahren hielt vor allem ich uns alle dadurch über Wasser, dass ich strickte: Mützen, Handschuhe, Strümpfe, Kniestrümpfe, Socken, Jacken, Pullover, Röcke, Kinderkleidung und für dich sogar Unterhosen für den Winter. Für deine zarte Haut waren sie aber nicht so gut, da sie offenbar schrecklich kratzten. Sie schützten dich aber vor Kälte und Erkältungskrankheit. Ich konnte schöne Muster stricken und bekam sehr bald viele Aufträge. Oft saß ich im Sommer - nach getaner Arbeit im Garten und in der Küche - noch spät abends strickend am Fenster, um so das restliche Tageslicht auszunutzen, denn Strom und auch Petroleum waren zu teuer und wurden deshalb immer eingespart.
Ich verstrickte alles: Wolle von alten, aufgerebbelten Stricksachen und manchmal brachten mir Leute Wolle mit einem Auftrag und genauen Vorstellungen, was und wie ich stricken sollte. Dafür bekam ich Geld oder Waren. In der Schützenhalle war auch viel Wolle gelagert und man konnte sie günstig kaufen. Sie hieß „Schützenwolle“ und ich habe davon auch Mengen verstrickt. Deine Patentante Martha hatte ein altes Spinnrad und sie konnte recht gut spinnen und ich strickte aus der gesponnenen Wolle auch diese Jacke, die du so gerne hast. Das Puppenkleidchen hab´ ich dir zu deinem Namenstag gestrickt, weißt du das noch?
Die „Schützenwolle“ reichte natürlich nicht aus. Schafherden wurden manchmal entlang getrieben. Wenn wir an Weidezäunen vorbei gingen, sammelten wir die Schafswolle, die am Stacheldraht hängen geblieben war, ein, kämmten sie aus, wuschen sie und Tante Martha und ich verarbeitete sie dann zu den „berühmten“ Stricksachen. Wenn ich sie verkaufen konnte, konnten wir wieder etwas kaufen, z. B. ein bisschen Fleisch und auch Kleinteile von der neuen Metzgersfamilie in unserer Straße oder andere Lebensmittel aus dem Kolonialwarenladen am Marktplatz.
22.02.2021 p

 

6. „Ein ewiges Hin und Her“

Josi erfuhr von ihrer Oma: Deine Eltern waren mal bei uns und dann gingen sie zurück, um Zuhause im Ruhrpott nach dem Rechten zu sehen. Und das einige Male, etwa in einigen Monatsabständen. Manchmal nahmen sie dich auch mit. Ein Haus, gerade wenn es fast zerstört war, konnte man nicht längere Zeit allein lassen. Sie kamen dann wieder zu uns, weil der Krieg hier nicht so zu spüren war.
Dein Vater war gelernter Bäcker. In der angesehenen Bäckerei am Marktplatz hatte er eine gute Stelle angenommen. Per Zufall erfuhr Opa, dass dein Vater wieder einmal seine Arbeitsstelle verloren hatte und ging zu dem Bäckermeister, der auch der Besitzer dieser Bäckerei war. Opa bat ihn inständig, deinen Vater, der ja Familienvater war, doch nicht vor die Tür zu setzen, da der Lohn dringend gebraucht wurde.
Der Bäckermeister zeigte Verständnis für Opas Anliegen, packte dann aber aus und berichtete, dass dein Vater häufig morgens früh schlaftrunken in der Backstube erschien und eine Alkoholfahne ihn schon von weitem ankündigte. Er legte sich gern mit den anderen in der Backstube an. Das Schlimmste aber war, dass Stammkunden die von deinem Vater gebackenen Brote verschmähten, denn die könnte man nicht essen, die schmeckten nicht. Der Bäckermeister behauptete, dass das seinen Ruin bedeute. Er sagte, er könne Opa verstehen, aber der solle auch ihn verstehen. Und es blieb bei der Kündigung.
Da dein Vater hier auf dem Lande keine neue Stelle fand und wir Beide euch die ganze Zeit nicht auch noch „durchfüttern“ konnten, gab es viele Vorwürfe und direkt Krach. Er ging und du und deine Mutter mussten mit in den „Kohlenpott“ zurück. Deine Mutter wollte nicht. Es half aber nichts, sie war seine Frau und er als Ehemann bestimmte über sie. Einige Zeit später war sie mit dir wieder bei uns und erklärte, sie habe ihn verlassen und ginge nicht mehr zu ihm zurück. Er kam kurze Zeit später, um sie zu sich zurück zu holen, versprach „hoch und heilig“ Besserung. War auch äußerst lieb und zuvorkommend zu ihr. Er umwarb sie direkt. Auch behauptete er, eine neue Arbeitsstelle in Aussicht zu haben. Aber die Versprechungen hielten offensichtlich nicht lange an. Bald war alles wie vorher.
Sie stand als Ehefrau und Mutter unter dem Druck, ihm folgen zu müssen. Opa machte ihr unmissverständlich klar, dass sie ihm zu folgen habe. Sie ging widerwillig mit ihm zurück. Ihr einziger Lichtblick warst wohl du. Du warst ihr zwar manchmal sehr lästig, aber sie war auch stolz auf dich. Und die ganze Familie mochte dich. Du warst so zart und doch so „wach“. Dieses Hin und Her wiederholte sich bis Kriegsende.

 

7. Einmarsch der Amerikaner

7.1 Einmarsch der Amerikaner
Wieder einmal erzählte Oma der Josi:
Im Frühjahr 1945 rückten die Amerikaner vom Rhein immer weiter nach Osten vor. Aus der Ferne hörte man schon dumpfes Grollen. Als die Amis dann etwa 20 km entfernt waren, war das Donnern der Geschütze bereits laut zu hören. Sie rollten, ohne sich aufhalten zu lassen, mit ihren Panzern über die Chaussee auf die Stadt zu. Beherzt nahm Herr S., späterer Bürgermeister der Stadt, ein großes, weißes Bettlaken, stieg auf den hohen, wuchtigen, städtischen Wehrturm und hängte es aus dem kleinen Westfenster hinaus, so dass es von weitem zu sehen war. Damit zeigte Herr S., dass sich die Bürger ergeben wollten. Diese sehr mutige und entschlossene Tat hat die Stadt vor einem Beschuss durch die Amerikaner bewahrt. - Die Tat war deshalb so mutig, weil in anderen Orten Personen bei solchen Taten von zurückweichenden Nazis erschossen worden sind. Auch hier lebten nicht wenige „Linientreue“, wie die nächste Begebenheit zeigt.

7.2 Standrechtliche Erschießung eines Bürgermeisters
Anders jedoch war es in einem kleinen Dorf, westlich der Stadt gelegen, zugegangen. Als die Amerikaner dort durch die Straßen rollten, wurde aus dem Kellerfenster des Hauses, in dem der dortige Bürgermeister wohnte, geschossen. Amerikanische Soldaten stürmten sofort das Haus und trafen den Bürgermeister in seinen Wohnräumen an. Sie warfen ihm kurz vor, dass aus dem Kellerfenster dieses Hauses geschossen worden sei. Er bestritt vehement, es gewesen zu sein und behauptete, nichts davon zu wissen, möglicherweise habe ein anderer geschossen und sei dann geflüchtet. Einige Soldaten liefen schnell um das Haus herum, wobei sie auch über Zäune sprangen, fanden aber niemanden, der geschossen haben könnte. Daraufhin beschul¬digten sie ihn der Tat, führten ihn den Kreuzberg hoch, stellten ihn vor einen großen Baum und erschossen ihn. Das nannte man „eine standrechtliche Erschießung“, das Ganze dauerte etwa eine Viertelstunde. - Einige Dorfbewohner meinten, dass dies die gerechte Strafe dafür gewesen sei, dass er Jahre zuvor einem armen, alten Juden, der sich in den umliegenden Wäldern versteckt hielt, gefolgt sei, als dieser im Dorf Eier gesammelt hatte und er sie ihm wieder abgenom¬men hatte.
Josi erinnert sich: Als kleines Mädchen wurde mir der Baum gezeigt. Ich meine, es war eine Linde. Meine Oma beendete diese Erzählung meistens mit dem Sprichwort: „Alles rächt sich auf Erden“.
03.03.2021 p

 

 

In unregelmäßigen Zeitabständen folgen weitere Geschichten.

 

 

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