Fachkräftemangel in Deutschland

Arbeit & Wirtschaft

Die Firmen brauchen intelligente Mitarbeiter, oh, ja! Es sind zu wenig da. Ja, wo sollen sie denn jetzt nur herkommen?

Die Unternehmen brauchen erfahrene Mitarbeiter vor allem aus den MINT-Fachbereichen für ihre „innovative“ Arbeit – Forschung, Entwicklung neuer Produkte, Verbesserung der Fertigungsmethoden –, um als Globalplayer im Wettbewerb standhalten zu können. Jetzt verlangt die Wirtschaft, dass der Staat möglichst fertig ausgebildete Fachleute aus dem Ausland kommen lässt. Das spart den Firmen Kosten und wenn die Angestellten nicht mehr gebraucht werden, kann der Staat sie wieder „entsorgen“.

Dass in den Firmen Fachleute gebraucht werden, fällt den Chefs und Managern recht spät ein! Noch vor nicht allzu langer Zeit verlangten sie „junge und dynamische“ Mitarbeiter und „dynamisch“ wurde schnell was „in den Sand gesetzt“. Auf die Erfahrung älterer Fachkräfte glaubten diese Bosse verzichten zu können. Manche Firmen waren recht einfallsreich beim Outsourcing, um sich des „Humankapitals“, wie Bosse ihre Mitarbeiter nannten, zu entledigen. Manche „Freisetzung“ wurde den Mitarbeitern mit relativ geringen Abfindungsgeldern „versüßt“, andere wurden in zweifelhafte Firmen oder „Auffanggesellschaften“ „verschoben“. Sie „setzten“ gute, sehr gute Fachleute – gerade auch aus den MINT-Bereichen – „frei“ (wie sie es nannten), in Wirklichkeit ein Rausschmiss!! Dies wurde meistens mit der schlechten Auftragslage begründet. Die Firma müsse effizient arbeiten, sprich: die Aktionäre bedienen. Weil dabei oft auch erfahrene Manager durch „junge und dynamische“, aber unfähige oder gar raffgierige Manager ersetzt wurden, gingen Firmen wie Karstadt und Quelle pleite, andere erlitten große Einbußen, wie z. B. Siemens, die Deutsche Bahn, wohl auch viele Banken und einige mehr, zum Teil, weil die Manager mangelnde Qualität durch Korruption ersetzten.

Diese Art der Firmenpolitik rächt sich nun heute! Denn wer sollte noch in diesen Fachbereichen ein Studium beginnen. Die jungen Leute sahen ja, dass die Aussichten auf Anstellung oder gar einen lukrativen Job sehr gering waren. Sie sahen es evtl. bei den Eltern oder in Verwandten- und Freundeskreisen. Und die Studiengänge sind hart und lang, das ist bekannt. Lukrativ waren u. a. BWL, Jura und Medizin.

Jetzt noch etwas zu dem sehr guten Verdienst: Es mag sein, dass heute bei diesem horrenden Mangel an Arbeitskräften im Einzelnen auch gute Entgeltbedingungen ausgehandelt werden können. Doch viele Hochschulabsolventen, die ein Studium im naturwissenschaftlichen und technischen Bereich absolviert haben, kehrten und kehren Deutschland den Rücken und folgen lukrativeren Angeboten weltweit. Headhunters sind schon lange erfolgreich in Deutschland unterwegs.

Und wie kurzsichtig ist die derzeitige Planung? Hat man aus den Erfahrungen gelernt? Schon in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts hatten es viele in den naturwissenschaftlichen Fachbereichen ausgebildete Personen – ob Dipl.-Chemiker, Dipl.-Physiker, Dipl.-Ingenieure (FH und TH) - schwer, einen Arbeitsplatz zu finden. Nicht jedem von ihnen war es gegeben, sich erfolgreich selbständig zu machen. Manche von ihnen sind heute nun im Rentenalter und ihre Renten sind leider nicht hoch, so wie manch einer glauben möchte, wenn er beispielsweise hört „promovierter Dipl. Physiker“.

Zu diesem Thema / Problem und seinen geschichtlichen Hintergründen ließe sich noch einiges mehr sagen. Hier aber nur ein Beispiel: Die „Technikfeindlichkeit“ in Deutschland ist ziemlich verbreitet, im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten wie beispielsweise den skandinavischen Ländern und auch Frankreich, um nur einige zu nennen. Das bedeutet nicht, dass man die Produkte der Technik ablehnt – ganz im Gegenteil –, aber es finden sich nur wenige, die sich für deren technisch-wissenschaftlichen Hintergrund interessieren. Gern brüsten sich gestandene Bürger bei uns damit, in Mathematik versagt zu haben, da es chic zu sein scheint. (Würden sie auch so leichthin zugeben, dass sie weder richtig lesen noch schreiben können, was in vielen Fällen leider Tatsache ist?) Naturwissenschaftliche Fragen sind kaum ein Thema und für das Gros uninteressant. Doch allmählich erkennen hier u. a. die öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten ihre Chance und auch eine gewisse Bildungsverantwortung.

Wir meinen, dass Deutschland seine Fachkräfte selbst ausbilden muss und dass die Industrie dies mitzutragen hat. Vielleicht kann ja eine Firma auch Fachpersonal (Akademiker) an Taxiständen, im Gaststättengewerbe u. ä. finden. Bei uns leben nämlich bereits viele gebildete und gut ausgebildete Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund und vegetieren teilweise vor sich hin. Doch ein nicht zu unterschätzendes Problem bei uns ist hier eine teilweise unterschwellige Ausländerfeindlichkeit. Nicht selten sind es leider auch Politiker, die als „Brandstifter“ fungieren.

Außerdem sollten Firmen auf nachhaltigen, langfristigen Gewinn achten. Personal nur aus kurzfristigem Gewinnstreben zu entlassen und dann je nach Auftragslage wieder einstellen zu wollen, halten wir für kurzsichtig und falsch. Dadurch gehen Erfahrungen und Kenntnisse verloren. Neue Fachkräfte kann man in hochtechnologischen Bereichen eben nicht mal schnell anlernen.

Genau so kurz gedacht ist aus unserer Sicht die Leiharbeit, wenn sie nur zur Gewinnmaximierung – auf Kosten der Angestellten – dient. Deshalb: Gleicher Lohn für Leiharbeiter wie für Festangestellte, kein Requirieren von Facharbeitern und Akademikern im Ausland, wenn sie dann nicht die Möglichkeit haben, dauerhaft bei uns bleiben zu können.

Gut ausgebildeten Frauen sollten die Chance erhalten, Beruf und Familie, sprich Kinderbetreuung, in Einklang bringen zu können. Das kostet nicht nur Geld, sondern auch ein wenig Fantasie; doch nicht nur für die Firmen könnte sich eine sozialverträgliche Familienpolitik auf Dauer bezahlt machen, sondern allgemein für unser Land. Dazu gehören auch abgesicherte Sozialpläne, wenn Entlassungen erforderlich sind. Dann lohnt sich das Ausschlachten von Firmen durch Hedgefonds und sonstiges „Raubrittertum“ nicht mehr.

Dieses Thema ist sehr komplex und wir wollen die Problematik hier nur anreißen. Dabei muss man auch unterscheiden, wieweit unsoziales Verhalten von Firmenmanagern nur auf Gier nach kurzfristigem Profit beruht oder als zwingende Maßnahme im Hinblick auf die Konkurrenzsituation bzw. die aktuelle wirtschaftliche Lage betrachtet wird. Auch die Politik ist gefordert, geeignete Maßnahmen zu treffen, um zu einer Lösung der angesprochenen Probleme beizutragen.

Bildung und Ausbildung – dazu gehören in diesem Zusammenhang auch Maßnahmen zur Förderung von mehr Interesse der Jugendlichen für technische und naturwissenschaftliche Berufe – sind ebenfalls wichtige Aufgaben des Staates. Allerdings sollten die Firmen daran beteiligt sein und die Ausbildung sollte zu Anstellungen mit adäquater Tätigkeit und Honorierung führen (und nicht im Status „Generation Praktikum“ verharren).

Ein gutes Zeichen ist es, dass die rechtspopulistischen Äußerungen eines führenden Politikers zur Einwanderung auf viel Kritik gestoßen sind, insbesondere auch bei unserer SPD-Führung. Die durchaus berechtigte Forderung, in Deutschland Ingenieure, Physiker und Informatiker auszubilden, darf nicht dazu missbraucht werden, unterschwellig Fremdenhass zu schüren!
17.10.2010 gmr

(Der Text vom 14.10.2010 wurde leicht geändert am 17.10.2010 neu eingestellt.)

 
 

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