Kernfusion

(Mit Nachträgen vom 08.06.2011, 20.01.2012, 25.08.2014 und 17.03.2017)

Theoretisch bestünde die ideale Kernfusion darin, Wasserstoffatome zu Heliumatomen zu verschmelzen. Ein einfacherer Weg für friedliche Nutzung der Fusion wird sein, schwere Wasserstoffatome (Deuterium) zu Heliumatomen zusammenzusetzen. Deshalb wird dieser Weg verfolgt. Bei einer solchen Fusion werden noch größere Energiemengen frei als bei der Kernspaltung, so dass für alle Menschen genügend Energie vorhanden wäre, wenn dies großtechnisch gelänge. Zumal genügend Deuterium in Form von schwerem Wasser auf der Erde vorhanden ist. Damit sich Deuterium in Helium verwandeln lässt, muss dazu ein Plasma /Link/ erzeugt werden, in dem eine Temperatur von 100 Millionen Grad herrscht. Da keine Materie dieser Temperatur standhält, muss das Plasma in starken Magnetfeldern eingeschlossen werden. (Zum Vergleich: An der Sonnenoberfläche herrscht eine Temperatur von etwa 6000 Grad.) Zur Zeit wird in Cadarache (Südfrankreich) die große Versuchsanlage ITER /Link/ gebaut (Kosten in der Größenordnung von 500 Millionen Euro pro Jahr und das voraussichtlich 20 Jahre lang; beteiligt sind die Europäische Union, Japan, China, Indien, Südkorea, Russland und die USA). Gleichzeitig werden auch andere Wege, die Fusion zu erreichen, beschritten. Die physikalischen und technischen Probleme sind immens und es ist noch offen, wann und ob die Fusion je nutzbar wird.
20.10.2006


Nachtrag vom 08.06.2011

Auf Grund von Nachfragen ein paar zusätzliche Informationen mit dem Stand 2011.

Es werden gegenwärtig zwei unterschiedliche Wege verfolgt, um später einmal Energie aus Kernfusion gewinnen zu können:

  1. Zündung einer Kernfusion in einem heißen Plasma.
  2. Zünden einer Kernfusion in einem festen Tritium-Kügelchen mittels Laserlicht.

1. Kernfusion in einem heißen Plasma

In der Vergangenheit wurde das Großexperiment JET in Culham (Großbritannien) durchgeführt, um die Erzeugung, das Erhitzen und die Aufrechterhaltung eines Plasmas zu erforschen. Mit den Erkenntnissen daraus und auch aus anderen Experimenten wird die o. g. Anlage ITER gebaut /Link/. Ab 2018 soll dann der Forschungsbetrieb beginnen, zunächst für Tests mit normalem Wasserstoff und dann ab 2026 mit Deuterium („Schwerer Wasserstoff“) und Tritium („Überschwerer Wasserstoff“). Deuterium und Tritium sind chemisch gleichwertig mit Wasserstoff und unterscheiden sich nur im Atomgewicht. Für die Forschung sind dann 20 Jahre geplant. Es ist nicht vorgesehen, mit ITER Strom herzustellen. Dafür ist schon die Nachfolgeanlage DEMO geplant, die 2040 versuchsweise den ersten Fusionsstrom ins Netz einspeisen soll /Link/. Uns kommt es sehr kühn vor, mit der Projektierung einer Nachfolgeanlage zu beginnen, bevor ausreichende Forschungsergebnisse aus ITER vorliegen. Wir glauben vielmehr, dass es noch 50 Jahren dauern wird, bis mit einem Fusionskraftwerk Strom erzeugt werden kann, wenn überhaupt.

Das Herz der ITER-Anlage ist eine ringförmige Kammer mit einem Volumen von 837 m3. Man könnte also in dem Ring seine Runden drehen. Diese ringförmige Kammer wird dann mit nur ca. 2 g Wasserstoff gefüllt. Zum Vergleich: Wäre die Kammer mit Luft (bei 20° C) gefüllt, wie das in der Bauphase der Fall ist, so wären ca. 1000 kg = 1 000 000 g Luft darin.

Der gasförmige Wasserstoff (später das gasförmige Deuterium-Tritium-Gemisch) muss dann auf ca. 150 Millionen Grad aufgeheizt werden. Bei dieser hohen Temperatur sind die Atomkerne und die Elektronen der Atomhüllen voneinander getrennt. Man nennt diesen Zustand der Materie Plasma. Zum Vergleich: Die Oberflächentemperatur der Sonne beträgt ca. 6000° C und im Innern der Sonne 15 Millionen° C, also 10-mal weniger als im Plasma des ITERs. Obwohl in der Sonne ebenfalls wie im ITER die Energie durch Kernfusion freigesetzt wird, reicht dort die niedrigere Temperatur, weil die Dichte im Sonneninnern viel höher ist als im ITER. Für das Aufheizen des Gases bzw. des Plasmas gibt es mehrere erprobte Möglichkeiten, eine davon funktioniert wie beim Mikrowellengerät. Geplant ist, dass bis zum Zünden der Kernfusion eine Leistung von ca. 50 MW benötigt wird und dann bei der Fusion 500 MW (also das 10 fache) frei wird.

Das Plasma wird wie in einem Käfig, der durch starke Magnetfelder gebildet wird, eingeschlossen. Allein die Magnetspulen wiegen 6540 t. Diese Magnete sorgen dafür, dass das Plasma nirgendwo die Ring-Wände berührt und auch sonst nicht verloren geht. Es ist nun ein immenses Problem (neudeutsch: eine gewaltige Herausforderung), dafür zu sorgen, dass einerseits das Plasma nicht entweichen und anderseits kein Wandmaterial das Plasma verunreinigen kann und dass die Kernfusion für eine gewisse Zeit (geplant sind 300 Sekunden) aufrechterhalten wird. Die Kernfusion soll dann immer wieder wiederholt werden, so dass ständig Energie frei wird, die letztendlich als Wärme über die Wand abgeführt wird und bei Nachfolgeanlagen zur Erzeugung von Dampf wie bei Kohlekraftwerken oder AKWs genutzt werden soll.

Seit 2006 sind die Kosten gewaltig gestiegen. Das Projekt wird in der Bauphase ca. 12,8 Milliarden Euro /Link/ kosten und für den Betrieb gehen wir von einer halbem Milliarde Euro pro Jahr aus. Die Kostensteigerungen sind auf die stark gestiegenen Rohstoffpreise, neue Erkenntnisse und nicht zuletzt Managementfehler – es ist schwierig, die Interessen der am Projekt beteiligten Partner unter einen Hut zu bringen – zurückzuführen.

Es besteht das Risiko, dass man letztendlich mit dem Projekt scheitern könnte – abgesehen vom Erkenntnisgewinn. Falls aber die Technik wie geplant funktioniert, hätten unsere Nachfahren eine praktisch unerschöpfliche Energiequelle, da auf der Erde genügend Deuterium und Lithium zum Erbrüten von Tritium vorhanden sind.

Sicherheitsrisiken beim ITER?

Plasma: Das 150 Millionen Grad heiße Plasma stellt kein Sicherheitsrisiko dar. Selbst wenn es schlagartig ins Freie gelangen würde, ist sein Energieinhalt so klein, dass kaum etwas passieren könnte. Die Fusion käme augenblicklich zum Erliegen. Es gibt im Unterschied zu Atomkraftwerken keine Nachwärme und die Radioaktivität des Plasmas ist gering.

Tritium: Zum Betrieb des ITERs ist Tritium („Überschwerer Wasserstoff“) /Link/ erforderlich. Dieses wird durch Kernumwandlung aus Lithium hergestellt. Tritium ist radioaktiv (Betastrahler mit kurzer Reichweite, Halbwertszeit 12,3 Jahre). Tritium kann - an Stelle von Wasserstoff - als Wasser leicht in die Nahrungskette gelangen und dann im menschlichen Körper eingelagert werden, was gesundheitsschädlich ist. Es ist geplant, dass bei ITER die vorhandene Tritiummenge nie größer als 4 kg ist. Es sind mehrere Maßnahmen geplant, dass das im Innern von ITER freiwerdende Tritium herausgefiltert, gespeichert und wieder verwendet wird. Das Tritium wird in keinem Fall verbrannt, so dass es immer nur als Gas vorliegt und nie als (superschweres) Wasser. Das gerade nicht benötigte Tritium wird in Behältern, die mit speziellen Metallen gefüllt sind, gespeichert, eine sehr sichere Form der Speicherung. Das Tritium bildet mit dem Metall zusammen ein Metallhydrid und muss wieder durch Druckerniedrigung oder Erwärmung herausgeholt werden (genau so, wie beim Wasserstoff /Link/).

Magnetfeld: Das erforderliche starke Magnetfeld wird durch supraleitende Spulen erzeugt und muss den ganzen mit Plasma gefüllten Raum ausfüllen. Damit die Spulen supraleitend bleiben, müssen sie mit flüssigem Helium gekühlt werden, wobei die Temperatur nicht über 4,2 K (d. h. nicht über ca. -269,1° C) steigen darf. Im Magnetfeld ist eine große Energiemenge gespeichert. Falls aus irgendeinem Grund die Supraleitung zusammenbricht, wird die gesamte Energie frei und kann unter ungünstigen Umständen, wenn z.B. zusätzlich auch die Maßnahmen zur Abführung dieser Energie versagen, zur Zerstörung der Einbauten des ITERs führen. Auch für diesen Fall ist das Containment ausreichend kräftig dimensioniert, sodass keine schädlichen Stoffe nach Außen gelangen können. Trotzdem muss ein Versagen der Supraleitung so abgefangen werden, dass kein zu großer (wirtschaftlicher) Schaden entsteht, denn kein Land ist bereit, eben mal so noch weitere mehrstellige Millionenbeträge in den ITER zu stecken. Der Weg, Magnete mit Spulen aus Kupfer wie in Transformatoren unter normalen Betriebstemperaturen zu betreiben, ist hier nicht gangbar, weil sich die Magnetspulen bei der erforderlichen Stromstärke so stark aufheizen würden, dass man sie nicht mehr ausreichend kühlen könnte.

Radioaktive Innenwände: Bei der Kernfusion entsteht Neutronenstrahlung, die die Wände des ringförmigen Behälters von innen radioaktiv macht. Irgendwann, dies ist noch Gegenstand der Forschung, wird man das Wandmaterial austauschen, wiederaufarbeiten und entsorgen oder wieder verwenden müssen. Im Vergleich zum Atomkraftwerk sind aber die zu entsorgenden radioaktiven Materialen viel geringer und haben eine kürzere Halbwertzeit, so dass die Endlagerung keine so großen Probleme bereiten würde wie bei Atomkraftwerken.

Zusammengefasst: Selbst bei großen Unfällen besteht für die Menschen um eine Kernfusionsanlage im Unterschied zu einem Kernkraftwerk nur eine geringe Gefahr. Man wird aber Unfälle trotzdem vermeiden müssen, weil sonst der wirtschaftliche Schaden sehr hoch werden könnte.

Weitere Experimente: Parallel zu ITER gibt es in Deutschland noch kleinere Anlagen, in denen Einzelfragen zur Fusion untersucht werden.

Ein größeres Experiment, das parallel zu ITER vom Max-Planck-Institut für Plasmaphysik (IPP) durchgeführt wird, ist die Stellaratoranlage Wendelstein 7-X in Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern). Die Geometrie des Behälters, in der das Plasma eingeschlossen ist, ist wesentlich komplizierter als beim ITER. Auch das zum Einschluss des Plasmas erforderliche Magnetfeld ist komplizierter. Falls man aber diese Hürden schaffen würde, könnte das Aufrechterhalten der Kernfusion einfacher sein als beim ITER.

2. Kernfusion in einem festen Tritium-Kügelchen

In den USA wird ein völlig anderer Weg beschritten, Energie aus Kernfusion zu gewinnen. Dazu wird in der Versuchsanlage NIF am Lawrence Livermore National Laboratory in Livermore (Kalifornien, USA) /Link/ ein ca. 0,5 mm dickes Kügelchen aus einem gefrorenen Deuterium-Tritium-Gemisch, das sich in einer dünnwandigen Kapsel aus Gold befindet, kurzzeitig mit so starkem Laserlicht beschossen, dass das Deuterium-Tritium-Gemisch so stark komprimiert wird, so dass in seinem Innern die Temperatur über 100 Millionen Grad Celsius und der Druck über 100 Milliarden bar ansteigt und dadurch die Kernfusion einsetzt. Dazu soll mit mehreren Lasern ein Lichtblitz von ungefähr 500 000 000 000 000 Watt und einer Dauer von 20 ns erzeugt werden. Die Herausforderung besteht darin, ausreichend starke Lichtblitze zu erzeugen, ohne dass die Laser dabei beschädigt werden.

Falls das funktionieren sollte, ist geplant, in eine Kammer kontinuierlich solche Kügelchen zu schießen und dort in jedem Kügelchen mit einem Lichtblitz aus den Lasern die Kernfusion zu zünden. Dadurch wird die Kammerwand erhitzt und man kann die Wärme benutzen, um Wasserdampf zu erzeugen und damit Turbinen anzutreiben.

Für die Sicherheitsrisiken gilt ähnliches wie beim ITER. Wenn die Laser abgeschaltet sind oder kein Kügelchen in die Kammer mehr geschossen wird, gibt es keine Kernfusion mehr. Bezüglich des Tritium und den radioaktiv werdenden Wänden der Kammer gilt Ähnliches wie beim ITER.

Zusammenfassende Bewertung:

Risiken

  • Bei allen o. g. Verfahren besteht keine Gefahr für die Menschen in der Umgebung einer solchen Anlage, wenn das Medium (Plasma oder Tritium-Kügelchen), in dem die Kernfusion stattfindet, unkontrolliert austreten sollte, da die Menge (ca. 1g oder weniger) zu gering ist, um Schaden anrichten zu können.
  • Wenn die Kernfusion nicht aktiv am Laufen gehalten wird, erlischt sie. Ein unkontrollierter Ablauf der Kernfusion ist nicht möglich.
  • Es entsteht keine Nachwärme. D. h., man braucht im Unterschied zu den AKWs keine Notkühlung, die unter allen Umständen funktionieren muss.
  • Es ist darauf zu achten, dass während des Betriebs möglichst kein Tritium nach außen gelangt. Im Plasma oder Tritium-Kügelchen befindet sich zwar nur wenig Tritium. Es wird aber dauernd Tritium erzeugt, gelagert und verbraucht und wenn dabei über längere Zeit Tritium nach außen gelangen würde, wäre dies eine Gesundheitsgefahr.
  • Obwohl kein Risiko für die Bevölkerung besteht, sollte dennoch stark auf die Sicherheit geachtet werden, weil sonst die Anlage zerstört werden könnte und dadurch hohe wirtschaftliche Verluste auftreten würden.

Entsorgung

  • Die inneren Bauteile (Innen-Wandmaterial) werden radioaktiv und müssen entsorgt werden. Dies ist allerdings einfacher als bei den AKWs, weil hier durch die Kernfusion keine langlebigen radioaktiven Materialien entstehen.
  • Die Entsorgung des Tritiums sollte kein Problem sein, weil es immer wieder in der gleichen oder einer anderen Anlage verbraucht werden kann. Außerdem, wenn das Tritium in Behältern aufbewahrt wird, wandelt es sich mit der Zeit in Helium 3 um, ein Gas, das in der Natur nur äußerst selten vorkommt, aber in der Tieftemperaturforschung dringend benötigt wird. Helium 3 ist genau wie das „normale“ in der Natur vorkommende Helium (Helium 4) völlig ungiftig und nicht radioaktiv.

Realisierbarkeit der Kernfusion

  • Es ist offen, ob mindestens einer der Wege zur Kernfusion zum Erfolg führen wird. Das werden wir bzw. unsere Nachkommen evtl. erst in 50 Jahren wissen. Man gibt also viel Geld und Arbeitsleistung für ein Projekt aus, mit dem man auch scheitern könnte.
  • Bei der Kernfusion in einem Plasma (ITER oder Stellaratoranlage) ist der Einschluss des Plasmas in Magnetfeldern die große Herausforderung und bei NIF die Zuverlässigkeit der Laser, die bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit betrieben werden müssen.
  • Man kann daher geteilter Meinung sein, ob es besser ist, in die Kernfusionsforschung zu investieren oder ob die Ressourcen zur Erforschung anderer Erzeugungsmöglichkeiten von Strom aufgewendet werden sollten.

Bau der Anlagen

  • Die Anlagen werden sehr komplex sein.
  • Für die Spulen der supraleitenden Magnete (ITER) benötigt man das Metall Niob. Man wird deshalb die Weltproduktion von Niob wesentlich ausweiten müssen. Im Übrigen muss viel hochwertiger Stahl verbaut werden.
  • Welche Rohstoffe für die Laser ( NIF) gebraucht werden, ist uns unbekannt.

Betrieb der Anlage:

  • Unabhängig vom Typ der Anlage werden die „Brennstoffe“ Lithium und Deuterium benötigt.
  • Beide Stoffe kommen auf der Erde häufig vor. Da relativ wenig von ihnen benötigt wird, spielen die Kosten zur Bereitstellung dieser Stoffe nur eine untergeordnete Rolle.
  • Lithium wird vermutlich in Zukunft im großen Stil für Batterien von Elektroautos benötigt, da lässt sich dann auch etwas für die Kernfusion davon abzweigen.
  • „Der Anteil an Deuterium in natürlich vorkommendem Wasserstoff beträgt 0,015 %.“ /Link/. Das gilt auch für das Wasser auf der Erde. In den Weltmeeren befindet sich somit genügend Deuterium für ca. 1000 Jahre und längerem Betrieb von Kernfusionsanlagen. Technisch aufwändig ist die Trennung von „normalem“ Wasserstoff und Deuterium.
  • Es werden also keine seltenen Rohstoffe wie Uran benötigt und es müssen keine radioaktiven Stoffe abgebaut oder gehandhabt werden.

Militärische Nutzbarkeit

  • Bei den Anlagen mit Plasma wäre allenfalls das Tritium militärisch nutzbar. Allerdings nur von Staaten, die Atombomben bauen können. Ähnlich wie beim Plutonium bei den AKWs sollte politisch auch für Tritium sichergestellt werden, dass es nur für friedliche Zwecke eingesetzt wird.
  • Bei Anlagen mit Laser (wie bei NIF) kommt hinzu, dass die Forschungsergebnisse auch für militärische Zwecke nutzbar sind und - soweit wir wissen - auch genutzt werden. Dies war mit ein Grund dafür, dass sich die Europäer für die Kernfusion in einem Plasma entschieden haben.

Unsere Meinung:

  • Das Energieproblem ist drängend. Selbst wenn wir unsere Ansprüche zurückschrauben, gibt es auf der Welt immer mehr Menschen und diese wollen auch an den zivilisatorischen Errungenschaften teilhaben können. Wir brauchen also mehr elektrische Energie.
  • Wir müssen also jeden Weg, der auch nur in geringem Maße Aussicht auf Erfolg hat, nutzen.
  • Auch die alternativen Energieerzeugungsmöglichkeiten haben Risiken. Auch hier müssen wir forschen. Und in der Forschung weiß man vorher selten, ob überhaupt etwas dabei herauskommt und was dabei herauskommt.
  • Dass Fusionskraftwerke wieder Großanlagen (in der Größenordnung von AKWs) sind, spricht aus unserer Sicht nichts dagegen. Allerdings sollte die Politik so gestaltet sein, dass Energieversorgungsunternehmen (EVUs) nicht ihre Monopolstellung ausnutzen können. D. h. die Verbraucher müssen vollständigen Einblick in die Preisgestaltung und der Staat muss direkten Einfluss auf die Preisgestaltung und auf das Wirken der EVUs (z. B. auf die Gestaltung der Stromnetze) haben. Hier liegt unseres Erachtens z. Z. einiges im Argen und wir können die Menschen gut verstehen, die aus diesem Misstrauen heraus weg von Großanlagen und hin zu dezentralen Kleinanlagen und Netzen wollen. Denkbar wäre, die Aktien der EVUs breit zu streuen und das Stimmrecht eines Eigentümers auf 1000 Aktien eines EVUs zu beschränken.
  • Unserer Meinung nach sollte Deutschland sich weiterhin an Projekten zur Erforschung der Kernfusion beteiligen, aber auch das geeignete politische Umfeld dazu entwickeln. Im Übrigen trägt es zum Frieden auf unserer Erde bei, wenn sich viele Länder an gemeinsamen, friedlichen Projekten beteiligen. Länder, die sich zum Teil noch vor knapp einem Menschenleben oder nur einigen Jahrzehnten feindlich gegenüberstanden.

Quellen:

Zu ITER:
http://www.iter.org
http://www.fusion.kit.edu/85.php
http://www.fusion.kit.edu/83.php
(Karlsruher Institut für Technologie (KIT): ein Zusammenschluss (im Jahr 2006) der Universität Karlsruhe (TH) und des Forschungszentrums Karlsruhe, bis 1995 Kernforschungszentrum Karlsruhe (KfK) /Link/)
Interessantes Interview im n-tv:
http://www.n-tv.de/wissen/Ist-Kernfusion-die-Alternative-article2924046.html

Stellaratoranlage Wendelstein 7-X in Greifswald
http://www.ipp.mpg.de/ippcms/de/for/projekte/

Information des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestages:
http://www.bundestag.de/dokumente/analysen/2010/ITER.pdf
Politik:
http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/019/1701949.pdf

Süddeutsche Zeitung (SZ):
http://www.sueddeutsche.de/wissen/kernfusion-traum-von-gigantischer-energie-1.53195
http://www.sueddeutsche.de/wissen/kernfusion-fusionsreaktor-iter-in-gefahr-1.948064

NIF in Kalifornien, USA:
https://lasers.llnl.gov/

Allgemeines:
http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Hauptseite
08.06.2011 gmr


Nachtrag vom 20.01.2012

Fortschritte beim europäischen ITER-Projekt

Nach mehreren Zeitverzögerungen wird nun an dem ITER in Cadarache, Südfrankreich, gebaut. Die Betonbodenplatte ist zu 80 % fertiggestellt. Geplant ist, dass ab 2019 Experimente mit einem Wasserstoffplasma (ohne Kernfusion, nur zur Erforschung des Verhaltens des Plasmas) und ab 2027 mit einem Deuterium-Tritium-Plasma (mit Kernfusion) durchgeführt werden.
Leider sind die voraussichtlichen Kosten von ursprünglich ca. 5 Milliarden Euro auf ca. 15 Milliarden Euro, also auf das Dreifache, gestiegen. Grund dafür sind die gestiegenen Preise für Bauteile und Rohstoffe sowie der erforderliche Einsatz weiterer Systeme, die ursprünglich nicht vorausgesehen waren. ITER ist ein Forschungsprojekt und bei solchen Projekten erkennen die beteiligten Wissenschaftler oft erst während der Ausführung, wie weiter vorgegangen werden soll. Die EU hat Anfang Dezember 2011 zusätzlich 840 Millionen Euro zugesagt, so dass die Bauarbeiten vorerst nicht verzögert werden. Doch woher die weiteren fehlenden Mittel kommen sollen, ist noch offen und wird u. E. noch zu erbitterten Diskussionen Anlass geben. Möglicherweise wird dies zu einer zeitlichen Streckung des Projektes führen. (Quelle: „Physik Journal“, Jan. 2012)
20.01.2012 r


Nachtrag vom 25.08.2014

Die Inbetriebnahme des ITERs (Cadarache, Südfrankreich) wird sich weiter verzögern, „nicht nur wegen den verbleibenden wissenschaftlichen und technologischen Hürden, sondern auch, weil für die Inbetriebnahme von ITER kein offizieller Termin existiert.“ (Physik Journal 13 (2014) Nr.7, Seiten 6 und 7). Weder der o. g. Termin (2018) noch der zuletzt genannte Termin 2020 werden eingehalten werden können. Ursache sind im Wesentlichen große Probleme im Management, wie aus einem Bericht des Management Assessment Teams (MAT) hervorgeht /Link/ (oder als pdf, 366 KB: /Link/). Anstatt das Projekt zügig voranzubringen, versuchen viele - für groß-technische Projekte - unerfahrene Manager sich „durchzuwursteln“, anstatt einen gemeinsamen Nenner zu finden. Es ist also unbedingt erforderlich, die Organisation wesentlich zu verbessern.

Wir vertreten - im Unterschied zu vielen anderen, die glauben, es wäre besser, mit dem Geld die regenerativen Energien weiter zu entwickeln - die Meinung, dass es sich lohnen könnte, trotz der hohen Kosten im zweistelligen Milliardenbereich ein derartiges Projekt durchzuführen. Das hat aber nur einen Sinn, wenn der Einsatz der Mittel, der Wissenschaftler und der übrigen Mitarbeiter optimal geplant wird. Im o. g. Bericht des MAT werden Empfehlungen gegeben, wie dieses Ziel erreicht werden kann. Wir bitten, dass sich die Politiker dafür einsetzen, diese Empfehlungen umzusetzen, um ITER wieder auf Kurs zu bringen.
25.08.2014 gr


Nachtrag vom 17.03.2017

Nachdem es schon so aussah, als würde das ITER-Projekt an den politischen Querelen der beteiligten Länder und dem Missmanagement scheitern, wurde März 2015 der erfahrene Wissenschaftsorganisator Bernard Bigot als Generaldirektor an die Spitze der ITER-Organisation gewählt. Der promovierte Chemiker und Physiker baute die Struktur der Organisation völlig um und gestaltete sie damit wesentlich effizienter, so dass das Projekt jetzt wieder weiter geht und die Hoffnung besteht, dass der neue Zeitplan nunmehr eingehalten wird. Im Jahr 2025 soll das erste Plasma in dem Fusionsreaktor gezündet werden. Das politische Taktieren hätte dann zwar ca. 6 Jahre Verzögerung und „nur“ viele Millionen Euro mehr gekostet, wäre es aber gescheitert, hätte es einen mehrere Milliardenverlust bedeutet. Sollte das Projekt nun aber zielgerichtet weiter geführt werden - wie z. B. CERN in der Schweiz - wäre es zusätzlich noch ein Zeichen dafür, dass Menschen aus vielen Ländern mit unterschiedlichen politischen Vorstellungen an einem Projekt friedlich zusammenarbeiten können. (Quelle: Physik Journal 15 (2016) Nr. 3, Seite 25 ff.)
17.03.2017 r

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