Soll Deutschland sofort aus der Kernkraft aussteigen?

Am 11. März erlebte Japan das größte Erdbeben seiner Geschichte (9.0 auf der nach oben offenen Richterskala). Zusätzlich trat noch eine ca. 10 m hohe Flutwelle (Tsunami) auf. Bei dem Erdbeben schalteten sich die betroffenen AKWs in Japan - wie vorgesehen - automatisch ab. Die Flutwelle zerstörte allerdings - soweit wir wissen - u. a. die Notstromversorgung alle Blöcke des AKWs Fukushima, da das AKW sehr dicht am Meer liegt.

Allgemein: Wenn ein AKW abgeschaltet wird, bedeutet das, dass die Atomspaltung (Kettenreaktion) im Reaktor unterbrochen wird. Allerdings sind die Brennstäbe weiterhin hochradioaktiv und erzeugen dadurch die sogenannte Restwärme. Wenn der Reaktor nach dem Abschalten nicht gekühlt wird, wird er im Inneren immer heißer, bis die Brennstäbe schmelzen (Kernschmelze) und sich die Schmelze durch die Reaktorwand frisst und in den Untergrund und/oder nach außen gelangt. Es ist also unbedingt notwendig, dass nach dem Abschalten die Notkühlung über Jahre funktioniert. Dazu müssen die Pumpen, die Kühlwasser in den Reaktor befördern, mit Strom versorgt werden. Im Normalfall wird dieser Strom dem Netz entnommen. Falls aber das Netz ausfällt (z. B. auf Grund eines Blitzeinschlags), muss innerhalb kurzer Zeit (eine Stunde?) mindestens einer der dafür vorgesehenen Dieselgeneratoren den nötigen Strom liefern, da die Batterien nur zur Überbrückung einer kurzen Zeit vorgesehen sind. Genau diese Stromversorgung ist aber im AKW Fukushima durch den Tsunami komplett ausgefallen und damit die Möglichkeit, die Reaktoren ordnungsgemäß zu kühlen.

Eine Kettenreaktion wie im Fall Tschernobyl (Ukraine) ist nicht zu befürchten, da hier Wasser anstelle von Graphit als Moderator zur Aufrechterhaltung der Kettenreaktion eingesetzt wird. Dadurch wird bei einem Verlust des Wassers die Kettenreaktion gestoppt, allerdings führt ein Verlust des Wassers als Kühlmittel zu einer Überhitzung der Brennstäbe - und damit zu einer Kernschmelze - und das ist schlimm genug.

Aufgrund der spärlichen Informationen über die Situation im AKW Fukushima, können wir hier nur über den Zustand der Kraftwerksblöcke Vermutungen äußern:

Vermutlich hat sich das Wasser in den Reaktoren (es geht um mehrere Blöcke) so sehr erhitzt, dass es siedete und der Druck ist dabei so stark angestiegen, dass Wasserdampf abgelassen werden musste, damit das Reaktorgefäß nicht birst. Dabei ist auch Wasserstoff ausgetreten, der dann zur Knallgasexplosion führte. Offenbar sind auch mehrere Brennstäbe durch die Hitze schon soweit geschädigt worden, dass radioaktive Stoffe ausgetreten und mit dem abgelassenen Dampf ins Freie gelangt sind. Inzwischen sollen sogar Stahlbehälter leck geworden sein. Um eine Kernschmelze zu vermeiden bzw. die begonnene Kernschmelze zu stoppen, wird z. Z. versucht, die Reaktoren mit - mit Borsäure versetztem - Meerwasser zu kühlen, eine Maßnahme, die vorher nicht geplant war. (Bor ist ein chemisches Element, das Neutronen absorbiert und damit eine Kettenreaktion im Kern verhindert. Borhaltiges Wasser ist erforderlich, um den Kern zu kühlen.) 50 Ingenieure arbeiten auf Hochdruck. Informationen sind angesichts dieser Katastrophe verständlicherweise lückenhaft.

Falls eine Kernschmelze auftritt und nach außen gelangt, kann man nur hoffen, dass sie so in die Erde geht, dass die Umgebung und das Grundwasser nicht zu sehr belastet werden. Offenbar ist aber durch die große Hitze, dem ausströmenden Wasserdampf und die Explosionen schon radioaktives Material aus den Brennstäben in die Atmosphäre gelangt.

Wir wollen uns damit von der furchtbaren Katastrophe in Japan, mit all dem menschlichen Leid und auch den riesengroßen Schäden lösen, und der Frage nachgehen, ob überhaupt oder, falls erforderlich, wie AKWs in Deutschland weiterbetrieben werden sollten.

Zunächst möchten wir feststellen, dass wir volles Verständnis dafür haben, wenn sich jemand vor dem Erdbeben in Japan voll für Kernkraft eingesetzt hat und jetzt intensiver über Alternativen nachdenkt. Auch wenn die Sicherheit der deutschen AKWs sich durch die Ereignisse in japanischen AKWs nicht geändert hat, so hat sich die Bedeutung des Restrisikos“ geändert, zumal die deutschen AKWs im Prinzip ähnlich gebaut sind und betrieben werden wie die japanischen. Allerdings „riecht“ uns das von der schwarz-gelben Regierung durchgesetzte drei monatige Moratorium nach Wahlkampfgetöse. Erstaunlich, wie schnell Frau Dr. Merkel ihre „Revolution“ beendet hat. Sie hat wohl wieder „durchregiert“ widerrechtlich am Parlament vorbei.

So starke Erdbeben und Tsunamis wie in Japan wird es bei uns nicht geben. Unsere AKWs sind allerdings gegen so gewaltige Beben auch nicht ausgelegt. Die Erfahrung in Japan sollte aber zeigen, dass u. E. in Deutschland die AKWs gegen ein Erdbeben ausgelegt sein sollten, das mindestens 1,0 Punkte auf der Richterskala höher ist, als das stärkste jemals gemessene Erdbeben in der betreffenden Region. Außerdem sollte es absolut gegen Hochwasser, bzw. an der Küste vor der Flut (Springflut) geschützt sein. Dabei ist es nicht so sicherheitsrelevant, ob der Maschinenraum Schaden erleidet, sondern nur dass in jedem Fall die Notkühlung gewährleistet ist. (Vielleicht ist das bereits schon Standard, das muss jedoch im Einzelnen geprüft werden.)

Es ist bekannt, dass schon während des Normalbetriebs im Reaktor ein Gasgemisch aus Wasserstoff und Sauerstoff ( Hydrolysegas oder Knallgas) entsteht. Dieses Gemisch muss ständig aus dem Kreislauf entfernt werden, sonst kann es zur Explosion führen. Möglicherweise war dies die Ursache für die Wasserstoffexplosionen in den Reaktorgebäuden des AKWs Fukushima. (Die schlimmere Ursache wäre, wenn Wasserstoff aus einer Reaktion von Wasser mit dem Zirkon der Brennelementhüllen entstanden ist, denn das würde auf eine hohe Überhitzung der Brennstäbe hindeuten.) In der Vergangenheit haben unserer Kenntnis nach auch Betreiber deutscher AKWs hier nicht die erforderliche Sorgfalt walten lassen, obwohl sie vom Hersteller darauf hingewiesen wurden.

Aus unserer Sicht ist es sinnvoll, dass einzelne Maßnahmen gegen terroristische Angriffe nicht öffentlich diskutiert werden. Aber Fachleute, und zwar auch die, die der Atomindustrie ablehnend gegenüberstehen, sollten feststellen, ob der Schutz ausreichend ist, und müssten das dann auch glaubhaft vermitteln. Dazu gehört auch der Schutz gegen abstürzende Flugzeuge und explodierende Tankschiffe.

Wir glauben, man wird dann nach der Überprüfung während des Moratoriums zum Ergebnis kommen, dass bestimmte ältere Kernkraftwerke nicht weiter betrieben werden dürfen, weil die erforderliche Sicherheit nicht gewährleistet werden kann.

Aus unserer Sicht sollte auch überlegt werden, wie durch passive Maßnahmen eine Kernschmelze möglichst verhindert werden oder zumindest kontrolliert ablaufen kann. Solche passiven Maßnahmen wären aber nur bei Neubauten möglich. Zumindest sollte u. E. aber für jedes einzelne AKW vorher überlegt werden, was im Falle eines Versagens der Notkühlung getan werden kann und muss.

Möglicherweise hat der Betreiber des AKWs Fukushima schon vorher AKWs verantwortungslos gehandelt. Zumindest wurden ihm früher schon Unregelmäßigkeiten (z. B. Fälschung von Protokollen) vorgeworfen, aber auch bei uns in Deutschland haben Betreiber nicht immer auf höchste Sicherheit geachtet.

Mit all diesen derzeitigen Überlegungen kann zwar die Sicherheit unserer AKWs (bzw. der dann noch laufenden AKWs) erhöht werden, aber die Diskussion über das Für und Wider die Kernenergie wird weitergehen. Wir können nur hoffen und wünschen, dass sie auf einer sachlichen Ebene geführt wird.

Hier nur tabellarisch die derzeitigen Möglichkeiten zur Stromerzeugung, wir haben bereits früher einiges dazu ausgeführt:

Unsere Einschätzung der Erzeugung von elektrischem Strom (Bedeutung der Ziffern s.u.):

  • Kohlekraftwerke (Braun- und Steinkohle) 1, 2, 3, 5, 7
  • Gaskraftwerke (Erdgas) 1, 4, 6
  • Ölkraftwerke 0, 1, 4, 6
  • Kernenergie 1, 3, 5, 8
  • Kraft-Wärme-Kopplung, Blockheizkraftwerke 2, 3
  • Wasserkraftwerke 3, 5 (kaum erweiterbar)
  • Biogasanlagen 2, 3 (u. a. Konkurrenz zur Lebensmittelerzeugung)
  • Holzkraftwerke (Scheitholz, Hackschnitzel, Pellets) 0
  • Windkraftanlagen (auf dem Land und Meer) 1, 2, 3
  • Photovoltaik 0, 2, 6
  • Thermische Sonnenkraftwerke 0, 2
  • Geothermie 0
  • Gezeiten- und Wellenkraftwerken 0
  • Fusionsenergie 0 (funktioniert (noch?) nicht)
  • Speicherkraftwerke 0 (als Stromspeicher benutzt)
  • Import von Strom aus dem Ausland

Bedeutung der Ziffern (unsere Einschätzung):
1 kurzfristig erweiterbar, Neubauten im erforderlichen Umfang sind möglich
2 nur langfristig erweiterbar
3 keine Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten
4 besonders große Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten
5 billige Stromerzeugung
6 besonders teure Stromerzeugung
7 im Normalbetrieb: Verschmutzung der Umwelt, Gesundheitsgefährdung
8 hohes Restrisiko
0 Nur geringe Bedeutung für die Stromerzeugung

Einsparung von elektrischem Strom:

  • Kein Heizen mit Strom (außer für kurze Zeiten)
  • Brauchwassererhitzung ohne Strom
  • Sparsame Beleuchtung
  • Sparsame Computer (Laptop)
  • Kleinere oder sparsamere Fernsehgeräte
  • Alle nicht benötigten Geräte komplett abschalten
  • Nachwärme beim Kochen und Backen nutzen
  • Sparsame Kühl- und Gefriergeräte
  • Möglichst keine Klimaanlagen
  • Industrie und Handwerk: Prozesse energetisch optimieren

Fazit: Der Stromverbrauch wird – wenn überhaupt – sich nur langsam senken lassen.

Optimierung des energetischen Gesamtkonzepts:

  • Entwickelung besserer Stromspeichermöglichkeiten
  • Intelligentes Stromnetz
  • Wärmedämmungen aller Art
  • Elektroautos
  • Leichtere Autos, Geschwindigkeitsbegrenzung
  • Reduzierung des Fleischverbrauches

Fazit: Die Elektroautos werden den Stromverbrauch erhöhen und nur den Gesamtenergieverbrauch senken. Die anderen Maßnahmen werden den Stromverbrauch - wenn überhaupt - nur langfristig senken.

Ergebnis:

Die alternativen Energien sind nur langfristig erweiterbar, jedes Jahr um wenige Prozent. Die größten Fortschritte sind u. E. bei der Windkraft zu erreichen. Wir haben kurzfristig praktisch nur die Wahl zwischen Kohlekraftwerken, Gaskraftwerken, Kernkraftwerken und dem Einkauf von Strom aus dem Ausland oder eine Einsparung von Strom und eine damit verbundene Änderung unserer Lebensweise (u. U. unter Zwang).

Wer einen stärkeren und schnelleren Ausbau der alternativen Energie befürwortet, muss bereit sein, mehr Überlandleitungen, Windräder und Biogasanlagen in seiner Nähe in Kauf zu nehmen.

Letztendlich muss jeder auch bereit sein, insgesamt Energie einzusparen.

Zu einem „Ökostrom“-Tarif zu wechseln, ist nur „Augenwischerei“ und bringt u. E. nichts. Der zur Verfügung stehende Strom wird nur „auf dem Papier“ entsprechend aufgeteilt. Auch das sich vermeintlich energetisch selbstversorgende Dorf nutzt weder der Industrie noch dem überwiegenden Teil unserer Bevölkerung, die in Ballungsräumen lebt, etwas. Denn erstens stehen in solchen Fällen pro Einwohner große Landflächen zur Verfügung und zweitens wird das ganze subventioniert, z. B. über eine Einspeisevergütung für Strom aus Biogasanlagen.

Es gibt einige, die sind gegen alles. Denen kann man nur den Strom abschalten. - Aber Ironie und Zynismus beiseite.

Wenn zur Energieerzeugung ein Volksentscheid durchgeführt würde (was wir nach einer objektiven Aufklärung der Bevölkerung begrüßen würden), sollten die technisch machbaren Alternativen zur Auswahl gestellt werden. Ein Stimmzettel mit der Wahl zwischen „Kernenergie „JA“ oder Kernenergie „NEIN““ löst unsere Energieprobleme nicht. Wir müssen uns zwischen dem „Restrisiko“ bei Kernkraftwerken, Gesundheitsgefährdung und CO2-Erzeugung durch Kohlekraftwerke, wesentlich teurerem Strom aus Gaskraftwerken mit starker Abhängigkeit von u. a. Russland oder erheblichen Einschränkungen / Änderungen unserer Lebensweise entscheiden.
17.03.2011 mr

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