Schnellabschaltung des Kernkraftwerks Krümmel

Ereignisablauf

Am 19.06.2009 um 15:00 Uhr wurde begonnen, das Kernkraftwerk Krümmel (KKK), ein Siedewasserreaktor (SWR), (an der Elbe, südöstlich von Hamburg) nach fast zweijährigem Stillstand anzufahren. So ein Vorgang dauert mehrere Tage. Am 21.06.2009 ging dann die Anlage erstmals mit verminderter Leistung wieder ans Netz. In den nachfolgenden Tagen wurde die Leistung langsam auf Volllast erhöht. Die im Verlauf aufgetretenen „Auffälligkeiten“ (Leckage in der Nähe der Kondensatoren im Maschinenhaus, nicht korrektes Verhalten eines Stellventils konnten behoben werden und standen der Inbetriebnahme des Kernkraftwerkes nicht im Wege.

Außerdem ereignete sich ein Arbeitsunfall durch Verbrennungen an einem Lichtbogen, der durch unsachgemäßes Hantieren an einer elektrischen Anlage entstanden war. Laien mag es roh und herzlos erscheinen, dass trotz der schweren Verletzungen eines Arbeiters die Anlage weitergefahren wurde. Bei Gleisarbeiten der Bahn beispielsweise kommt es auch immer mal wieder zu Unfällen, oft mit tödlichem Ausgang. Nachdem das Unfallgeschehen festgestellt worden ist, wird die Unfallstelle geräumt und die Arbeiten werden fortgesetzt.

Am 01.07.2009 um 14:46 Uhr reagierte bei Volllastbetrieb unplanmäßig ein Schutzschalter. Als Folge davon wurde der neu installierte Maschinentrafo AT01 außer Betrieb genommen. Ursache für das Ansprechen des Schutzschalters war, dass bei einem anderen Trafo vor dem Anfahren der Anlage vergessen worden war, ein Ventil zu öffnen. Bei der Erwärmung dieses Trafos entstand ein Überdruck in seinem Innern und dadurch wurde der Schutzschalter ausgelöst.

Normalerweise kommt der elektrische Strom mit 27 000 Volt aus der Anlage (Generator) und wird mittels der beiden Maschinentrafos AT01 und AT02, die auf dem Gelände außerhalb des Kernkraftwerksgebäudes stehen, auf 380 000 Volt hoch transformiert und ins Netz eingespeist.

Da nun der o. g. Trafo AT01 ausgefallen war, wurde die Anlage mit halber Last über den Trafo AT02 weitergefahren.

Am 04.07.2009 um 12:02 Uhr kam es zu einem Kurzschluss im Trafo AT02 und er fiel aus. Damit waren jetzt beide Trafos abgeschaltet. Da der erzeugte Strom vom Kernkraftwerk dadurch nicht mehr abgenommen werden konnte, erfolgte bestimmungsgemäß eine Schnellabschaltung des Kernkraftwerks, die im Wesentlichen planmäßig verlief.

Nach dem Trafo-Brand vor zwei Jahren musste der Trafo AT01 ausgetauscht werden, der Trafo AT02 wurde damals nur überprüft. Es wurden dabei keine Mängel festgestellt. Da die Anlage still stand, konnten die Trafos natürlich nicht unter Last geprüft werden. Allerdings wurden offensichtlich nicht alle geplanten Untersuchungen auch wirklich durchgeführt (Schlamperei?).

Unabhängig von diesem Ereignisablauf wurde festgestellt, dass ein Brennelement undicht ist.

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Auswirkungen auf die Umwelt

Durch den Kurzschluss kam es zu Undichtigkeiten am Trafogehäuse, so dass Transformatorenöl austrat. Gleichzeitig wurde automatisch die Sprühwasserlöschanlage eingeschaltet. Dadurch entstand ein Öl-Wasser-Gemisch, das eigentlich in der dafür vorgesehenen Auffangwanne aufgefangen werden sollte. Allerdings gelangte dennoch ein Teil ins Erdreich, so dass der kontaminierte Boden abgetragen werden musste.

Radioaktive Stoffe traten durch diese Ereignisse nicht aus.

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Bewertung

Zusammenfassend kann festgestellt werden: Die aufgetretenen Vorkommnisse können bei jedem Kraftwerk auftreten. Sie sind – abgesehen von den erhöhten Sicherheitsmaßnahmen und dem Brennelementschaden – nicht typisch für Kernkraftwerke.

Es ist zu unterscheiden, ob die Sicherheit des Kernkraftwerkes gefährdet oder nur seine Zuverlässigkeit beeinträchtigt worden war:

Ist zu irgendeinem Zeitpunkt Gefahr von dem Kernkraftwerk ausgegangen?
Nein!
Wenn der elektrische Strom von einem Kernkraftwerk plötzlich nicht mehr abgenommen wird (z. B. durch Ausfall der Trafos wie in diesem Fall, durch Blitzeinschlag in die Leitung, durch Sturmschäden) muss das Kernkraftwerk sofort abgeschaltet werden, entweder per Hand oder automatisch. Genau dies ist am 04.07.2009 im Kernkraftwerk Krümmel auch passiert. Alle wesentlichen Sicherheitssysteme haben funktioniert. Von diesem Standpunkt aus gesehen sind alle Spekulationen, was alles hätte geschehen können, reine Panik- und Stimmungsmache von Kernkraftgegnern. Man kann es den Bürgern nicht verdenken, wenn sie auf Grund solcher Berichte Angst bekommen und dann gegen die Kernenergie sind. Unfreiwillig wurde durch die Schnellabschaltung bewiesen, dass die früheren Mängel, die zum zweijährigen Stillstand geführt haben, inzwischen beseitigt worden sind.

Wurde zuviel Radioaktivität abgegeben?
Nein!
Lediglich aus dem undichten Brennelement gelangten radioaktives Gas ( Edelgas Xenon-133) und andere Spaltprodukte ins Kühlwasser. Dabei ist zu bemerken, dass es sich um einen geschlossenen Kühlmittel-Kreislauf handelt. Die Spaltprodukte werden herausgefiltert, gesammelt und zur Lagerung aufbereitet. Lediglich das Xenon wird in die Atmosphäre abgegeben. Die Menge lag hier weit unterhalb des erlaubten Grenzwertes und damit weit unterhalb der natürlich vorhandenen Radioaktivität. Edelgase reagieren chemisch nicht und können daher nicht in die Nahrungskette gelangen.

Im Übrigen sind Schutzmaßnahmen vorgesehen für den Fall, dass Brennelemente undicht werden. Es wird dann das undichte Brennelement gesucht und entschieden, ob es schnell oder erst bei der nächsten Inspektion ausgetauscht werden muss. Ein Grund für besondere Aufmerksamkeit ist dann gegeben, wenn Brennelemente häufiger undicht werden. Da das Kernkraftwerk Krümmel jetzt sowieso abgeschaltet worden ist, soll auch untersucht werden, woran das Undichtwerden der Brennelemente hier liegen könnte.

Ist die Zuverlässigkeit der Anlage noch gegeben?
Hier könnte man Zweifel haben.
Das hat jedoch nichts mit der Sicherheit der Kernkraft zu tun, sondern allein damit, dass u. E. die Stromlieferung aus dieser Anlage nicht zuverlässig erfolgt und daher schwer einplanbar ist. Die Befürworter der Kernkraft preisen ja gerade die Versorgungssicherheit der Kernkraft im Vergleich zur Windkraft und Photovoltaik an.

Wurde die Versorgungssicherheit mit Strom gestört?
Ja!
Wenn unerwartet von einer Sekunde auf die andere ca. 700 MW (dies entspricht z.B. dem Stromverbrauch von 350 000 Elektroherden mit je 2000 W Leistung) fehlen und kurzfristig aus anderen Kraftwerken eingespeist werden müssen, ist das kaum ohne erhebliche Stromschwankungen im Netz zu bewältigen. Dies hat wohl auch zum Ausfall sehr vieler Ampelanlagen und Störungen bei der Wasserversorgung ( Pumpenausfälle) in Hamburg geführt. D. h. der Ausfall dieses Kernkraftwerks war für die Hamburger Bevölkerung sehr negativ spürbar. - Windräder können zwar auch schnell stehen bleiben, wenn plötzlich der Wind ausbleibt, da ihre Leistung jedoch wesentlich kleiner ist, kann das Netz dies einfacher ausgleichen.

Wurden Informationen nicht richtig weitergegeben?
Formal gesehen, hat sich u. E. der Betreiber an die Vorschriften gehalten. Da die Sicherheit der Anlage nicht gefährdet war, bestand aus unserer Sicht eine Meldepflicht von 5 Tagen (meldepflichtiges Ereignis der Kategorie N), die ja eingehalten war.

Es wurde innerhalb von 20 Minuten die zuständige Stelle bei der Polizei informiert. Es ist sicherlich richtig, dass zunächst die Polizei (oder Feuerwehr) angerufen wird, wenn Probleme mit der Stromversorgung entstehen, wie z. B. nichtfunktionierende Verkehrsampeln. Zweieinhalb Stunden nach dem Ereignis hatte das Unternehmen dann auch die erste Pressemeldung veröffentlicht. D. h. die Informationen wurden rasch weitergegeben. Leider haben die Betreiber des Kernkraftwerkes es aber versäumt, auch sofort die zuständige Behörde in Kenntnis zusetzen, ehe diese durch die Polizei benachrichtigt wurde. Die Behörde wurde erst nach ca. anderthalb Stunden vom Bereitschaftshabenden der Betriebsleitung informiert. Dies mag neben organisatorische Fragen auch daran liegen, dass Techniker sich im Allgemeinen erst dann zu einem Sachverhalt äußern möchten, wenn er umfassend geklärt ist, während sich leider manche Politiker unaufgefordert zu Sachverhalten äußern, die sie nicht einmal verstanden haben. Da es in Deutschland viele Vorbehalte gegen Kernenergie gibt, wäre es wichtig, in diesem Bereich größtmögliche Transparenz zu zeigen, also alle relevanten Stellen sehr schnell bzw. gleichzeitig zu informieren.

Insgesamt gesehen, hat sich der Energiekonzern Vattenfall damit sehr ungeschickt, wenn nicht sogar „dumm“, wie es ein Politiker bewertete, verhalten. Der Betreiber Vattenfall sollte inzwischen jedoch gelernt haben, die Informationen zügig weiterzugeben. Hier liegt u. E. die größte Fehlleistung der Firma Vattenfall vor.

Wie sollte es weitergehen?
Technisch gesehen ist die Antwort einfach: Der Trafo AT02, in dem der Kurzschluss auftrat, muss ersetzt werden. Es sind Maßnahmen zu ergreifen, damit sichergestellt wird, dass nicht wieder als Folge einer Fehlbedienung ein Trafo abgeschaltet wird, sondern die Fehlbedienung sofort angezeigt und damit die Abschaltung vermieden wird. - Sicherheitstechnisch ist es nicht relevant, wenn ein Kernkraftwerk wegen eines Fehlers im konventionellen Teil, wie einer Turbine oder eines Trafos, abgeschaltet werden muss. Aber ein Außenstehender wird ein Kernkraftwerk mit häufigen Störungen immer misstrauisch ansehen, nach dem Motto: was mag das nächste Mal passieren. Und es werden zusätzliche Kosten erzeugt, die letztendlich die Verbraucher zu tragen haben.
Weiterhin müssen standardmäßig nach einer Schnellabschaltung immer einige Untersuchungen durchgeführt werden, da eine Schnellabschaltung eine zusätzlich Belastung für ein Kernkraftwerk bedeutet und deshalb seine Lebensdauer negativ beeinflusst. Da das Kraftwerk ohnehin jetzt still steht, wird man das undichte Brennelement austauschen und untersuchen, ob man die Fehlerursache für das Undichtwerden von Brennelementen finden und beseitigen kann. Dabei sollten auch die kleineren Fehler, die sich gezeigt haben, beseitigt werden. Danach kann und sollte die Anlage wieder hochgefahren werden, denn die Anlage ist im Jahr 1983 in Betrieb genommen worden und damit zum endgültigen Abschalten noch zu jung.

Wesentlich ist auch, dass die Kommunikationswege vom Kraftwerksbetreiber zu den Behörden und zur Bevölkerung verbessert werden. Auch ein schwedischer Konzern muss endlich begreifen, dass nicht nur die Gegner, sondern auch die Befürworter der Kernenergie sofort und umfassend informiert werden möchten und dass das Vertrauen zur Kerntechnik durch zuverlässige Arbeit verdient werden muss. Außerdem sollte man darauf achten, dass ein Kernkraftwerk nicht nur sicher ist, sondern auch zuverlässig arbeitet.

Wir glauben aber, dass dieses Ereignis völlig ungeeignet ist, als Wahlkampfthema missbraucht zu werden. Damit werden in der Bevölkerung nur Ängste geschürt. Die Kernkraft sollte wie auch andere Streitthemen, z.B. Gentechnik oder der Einsatz in Afghanistan, möglichst rational in unserer Gesellschaft diskutiert werden. Es ist auch kein Fehler, wenn sich innerhalb der einen politischen Partei mehr die Befürwortet und in einer anderen Partei mehr die Gegner versammeln. Aber es sollte nicht mit falschen, ideologisch eingefärbten Argumenten geworben werden. Nicht jeder will und kann die einzelnen Argumente überprüfen, sondern muss darauf vertrauen können, dass Fachleute, Politiker und Medienmacher nach bestem Wissen ehrlich berichten, so dass dann jeder seine eigenen Schlüsse daraus ziehen und sich vernünftig entscheiden kann.

Zur Erläuterung ein Vergleich mit dem Auto:
(Ein Kernkraftwerk kann man natürlich nicht mit einem Auto vergleichen, doch es gibt gewisse Parallelen.)

Sicherheit:
Bei einem Auto muss immer gewährleistet sein, dass seine Stabilität gegeben ist und Lenkung und Bremse zuverlässig funktionieren. Nicht so sicherheitsrelevant ist dagegen, ob der z. B. Motor oder das Licht funktioniert. Wenn z. B. der Motor oder nachts das Licht versagen, muss man notfalls das Auto stehen lassen und sehen, wie man weiterkommt. Ein Auto, bei dem aber etwas mit der Bremse nicht stimmt, muss sofort und solange aus dem Verkehr gezogen werden, bis das Problem mit Sicherheit behoben ist. Das kann die Allgemeinheit zu Recht fordern. Bei einem Auto mit Motorschaden ist es Sache des Besitzers, ob er ein evtl. unzuverlässiges Auto weiter betreiben will. Der Allgemeinheit kann das solange egal sein, solange sie nicht davon betroffen ist.

Verfügbarkeit:
Wäre das Auto aber z. B. ein Bus, könnten sich die Fahrgäste beschweren, wenn sie nicht zuverlässig ihr Ziel erreichten.

Die sicherheitsrelevanten Teile (z.B. die „Bremse“) des Kernkraftwerks Krümmel haben korrekt funktioniert. Es kann also zunächst der Allgemeinheit egal sein, ob das Kernkraftwerk zuverlässig Strom liefert. Die Stromkunden können sich aber zu Recht beschweren, wenn sie ihren Strom nicht zuverlässig erhalten oder einen höheren Strompreis bezahlen müssen, weil ständig am Kernkraftwerk herum repariert werden muss. Doch dies gilt für jede Art von Kraftwerk. Hier haben auch die Medien und die Umweltorganisationen eine Bringschuld, indem sie zwischen mangelnder Sicherheit und mangelnder Zuverlässigkeit unterscheiden müssten.
24.07.2009 gr

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